«Ich bin noch lange nicht fertig» (Tagblatt Online: 23. Oktober 2015)

Seit Ende September trainiert Beat Naldi die NLA-Frauen des FC St. Gallen. Der Kulttrainer spricht über das zurückgewonnene Selbstvertrauen seiner Spielerinnen, seine Rolle als Baumeister und seine Zukunft in der Ostschweiz.

RAYA BADRAUN

Herr Naldi, mit 67 könnten Sie Ihren Ruhestand geniessen. Warum sind Sie stattdessen noch immer auf dem Fussballplatz?

Beat Naldi: Am Anfang habe ich versucht, weniger zu machen. Ich hatte eine Auswahlmannschaft und trainierte mit ihr einmal in der Woche am Mittwochabend. Schnell habe ich jedoch gespürt, dass ich mehr machen muss. Das Fussball-Virus hat mich nicht losgelassen.

Warum verschlug es Sie nun nach St. Gallen?

Naldi: Den technischen Leiter, Markus Schüepp, kenne ich seit Jahren. Wir sind beide Fussball-Instruktoren. Diesen Sommer rief er mich an – weiss der Kuckuck warum – und sagte: «Beat, komm nach St. Gallen.» Am Anfang war ich nicht so begeistert. St. Gallen sei nichts für mich, sagte ich. Nach einigen Gesprächen sagte ich jedoch zu.

Was stimmte Sie um? Immerhin gibt es dankbarere Trainerstellen.

Naldi: Das ist so. St. Gallen ist momentan auf der Pechstrasse – auch mit mir. Ich hätte am 1. September als Trainer anfangen sollen. Zwei Tage vor dem Start musste ich wegen Nierensteinen jedoch express ins Spital. So mussten die Spielerinnen drei weitere Wochen warten. Auch sonst läuft vieles drunter und drüber. Das ist neu für mich und fasziniert mich deshalb wahrscheinlich auch so. Davor spielte ich mit Luwin und Basel immer um den Cup- und Meistertitel.

Die Frauen des FC St. Gallen hingegen haben bisher alle Meisterschaftsspiele verloren und schieden im Cup gegen ein 1.-Liga-Team aus. Wie arbeiten Sie mit einem solchen Team?

Naldi: Es ist nicht einfach. Die Spielerinnen hatten überhaupt kein Selbstvertrauen mehr. Im Training haben wir deshalb Torschüsse und Passformen geübt. Jeder Pass, der angekommen ist, jedes Tor, haben wir honoriert. Am Anfang landeten die Bälle überall. Langsam wird es jedoch besser. In erster Linie geht es aber auch darum, dass die Spielerinnen mir vertrauen. Dass schafft ein Trainer jedoch nur, wenn er auch einmal gewinnt.

Was fehlt noch zu einem Sieg?

Naldi: Ich differenziere zwischen Team und Mannschaft. In einer Mannschaft schaut jeder für sich. Ich brauche jedoch ein Team, in dem alle zusammenhalten. Wir arbeiten momentan daran, aber es ist harzig.

Wie formen Sie aus St. Gallen ein funktionierendes Team?

Naldi: Die Aufstellung hat in der Vergangenheit immer gewechselt. Ich habe nun vier Spielerinnen genommen und sie immer zusammen spielen lassen. Auch wenn sie einen Fehlpass machten, mussten sie nicht Angst haben, dass ich sie ersetze. Dann habe ich mit sechs Spielerinnen gearbeitet und nun mit acht. Irgendwann kommen noch die Stürmerinnen dran.

Sie bezeichnen sich als Baumeister. Was heisst das?

Naldi: Ich könnte nun zu Markus gehen und von ihm verlangen, dass er die besten Spielerinnen holt. Das sind Kaufmeister. Ich bin ganz anders. Ich will die jungen Spielerinnen und mit ihnen arbeiten. Wir haben nun ein paar U19-Fussballerinnen, die extrem willig und lernfähig sind. Das Risiko ist jedoch auch grösser, dass sie in einem Spiel dumme Fehler machen.

Nicht nur das Risiko ist grösser. Mit jungen Spielerinnen zu arbeiten, braucht auch mehr Zeit und Geduld.

Naldi: Das ist so. Ich habe das Gefühl, dass die Spielerinnen noch nicht so weit sind, wie ich es gerne hätte. Aber wenn meine Philosophie einmal Wurzeln geschlagen hat, bin ich überzeugt, dass wir nicht nur einen Match gewinnen. Die Zeit läuft uns zwar mit jedem verlorenen Spiel davon, aber die Hoffnung ist da.

Hat der Vorstand so viel Geduld?

Naldi: Im Moment haben sie mir ihr Vertrauen ausgesprochen. Ich kann schalten und walten, wie ich will. Aber natürlich ist es unser Ziel, in der NLA zu bleiben, um weiter arbeiten zu können.

Also bleiben Sie länger in der Ostschweiz?

Naldi: Mit dem Verein habe ich einen normalen Arbeitsvertrag mit zwei Monaten Kündigungsfrist unterschrieben. Den Spielerinnen habe ich jedoch gesagt: «Mit euch bin ich noch lange nicht fertig. Ich ziehe das durch und glaube fest daran.» Selbst wenn die St. Gallerinnen absteigen, würde ich bleiben.

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