Vorübergehend verbannt (Tagblatt Online: 22. März 2016)

St. Gallens Frauen, Tabellenletzte in der NLA, verlieren gegen den Leader FC Zürich 0:4.

Torhüterin Patricia Gsell, bei St. Gallen eigentlich die Nummer eins, kommt nicht zum Einsatz.

BENI BRUGGMANN

FUSSBALL. «Ich würde gerne spielen.» Vier Worte, ein Herzenswunsch. Patricia Gsell spricht sie vor dem Spiel gegen den FC Zürich aus. Die 26jährige Torhüterin des FC St. Gallen hat als Juniorin bei Schöftland begonnen und dann bei Luwin, heute Luzern, einen Meistertitel und einen Cupsieg erlebt. In den folgenden vier Jahren bei den Grasshoppers feierte sie nochmals einen Cupsieg. Nun hütet sie schon seit fünf Jahren das Tor von St. Gallen. Eigentlich ist sie die Nummer eins.

Die Geschichte beginnt im Dezember 2015. Verantwortliche, Trainer und Torhüterinnen beraten. Nicole Studer, ein Goalietalent, sitzt beim FC Zürich auf der Bank. Sie sucht Spielpraxis beim FC St. Gallen. Die Ostschweizerinnen hätten mit ihren mageren acht Plustoren eher eine treffsichere Stürmerin gebraucht. Aber alle kommen zur Einsicht: «Studer kann uns für diese Saisonhälfte helfen.»

Die Chemie stimmt

So bereiten sich denn Studer, das Talent, und Gsell, die Nummer eins, an diesem Samstagnachmittag im Gründenmoos gemeinsam auf das Spiel gegen Zürich vor. Gsell schiebt den Ball flach aufs Tor, schiesst hoch und flankt von der Seite. Studer hechtet, fängt und faustet. Das Einlaufen verläuft perfekt. «Die Chemie zwischen uns beiden stimmt», sagt Gsell. Nach dem Einlaufen trennen sich die Wege: Studer geht ins geliebte Tor, Gsell auf die verhasste Bank. «Ich würde gerne spielen.» Die verbannte Nummer eins spricht die vier Worte in diesem Moment nicht aus. Aber es gibt auch eine Körpersprache.

Im Spiel beweist Studer ihr Talent. Die Niederlage kann sie aber auch nicht verhindern, Zürich ist die bessere Mannschaft und gewinnt 4:0. «Wir haben defensiv gut gespielt, am Schluss aber hat die Konzentration nachgelassen», sagt sie. Die letzten beiden Tore fallen nach der 80. Minute. St. Gallen ist für die in Embrach wohnende Zürcherin nicht nur geographisch die beste Lösung: «Ich fühle mich hier wohl.» Trainer Beat Naldi charakterisiert sie so: «Ruhig. Strahlt Sicherheit aus. Stark mit dem Fuss. Kommt auch aus dem Tor heraus.» Von Ersatztorhüterin Gsell, die während des Spiels neben ihm auf der Bank sitzt, sagt er: «Sie ist einsatzfreudig, gibt alles, kann motivieren.»

Naldi und Gsell gehörten schon bei Luwin zum gleichen Team. Die Spielerin hat sich vor einem Jahr stark dafür eingesetzt, dass ihr früherer Trainer nach St. Gallen wechselt. Obwohl sie heute mit der Verbannung auf die Bank enttäuscht sein müsste, sagt sie: «Naldi liebt und lebt den Fussball leidenschaftlich. Wir alle wünschen ihm ein Erfolgserlebnis.»

Gsell bleibt St. Gallen treu

Gsell ist in Hirschthal, einer kleinen Gemeinde im unteren Suhrental, ein paar Kilometer von Aarau entfernt, aufgewachsen. An der United School of Sports in Zürich wurde sie während ihrer Zeit bei den Grasshoppers als Kauffrau ausgebildet. Heute arbeitet sie in der Personalabteilung der ETH Zürich und pendelt zwischen Zürich und St. Gallen. Hier wohnt sie. «St. Gallen ist nicht nur super zum Wohnen, sondern auch eine fussballverrückte Region», so Gsell. Hier will sie bleiben. Studer wird St. Gallen auf absehbare Zeit wieder verlassen. «Ich bleibe in jedem Fall», sagt Gsell. Sie wird wieder die Nummer eins im Tor. Dann muss sie nicht mehr sagen: «Ich würde gerne spielen.»

 

Patricia Gsell (rechts), die abgelöste Nummer eins, wärmt sich vor dem Spiel mit Nicole Studer auf.(Bild: Ralph Ribi)

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