Die Assistentin will Pause machen

CO-TRAINERIN ⋅ Die Frauen des FC St.Gallen erkämpfen sich beim 2:2 gegen Chênois den ersten Punkt in der Abstiegsrunde. St.Gallens Trainerassistentin Gesa Jürgens ist zufrieden mit der Leistung des Teams.

Beni Bruggmann

Gesa Jürgens leitet das Einlaufen vor dem Spiel. Dabei wirkt sie ruhig, macht Mut, strahlt Zuversicht aus. Während dem Spiel sitzt Jürgens die meiste Zeit auf der Bank, die Arme verschränkt, scheinbar gelassen. Manchmal steht sie an der Seitenlinie, angespannt, aufmerksam – und immer beherrscht. Nur einmal, bei einem leichtfertigen Ballverlust einer Spielerin, dreht sie sich gegen die Abschrankung und versetzt ihr einen Tritt. Jürgens, die Assistenztrainerin, ist äusserlich cool, fiebert aber im Innersten mit und sagt am Schluss: «Wunderbar, diese Moral!»

Seit Sommer 2015 ist sie beim FC St.Gallen, hat Markus Schüepp, Beat Naldi und jetzt Peter Jud als Trainer erlebt. Nach dieser Saison hört sie auf. «In diesen zwei Jahren habe ich viel gelernt. Ich konnte meine Ideen umsetzen», sagt Jürgens. Die theoretischen Grundlagen hat sie auf dem Weg zum B-Diplom des Schweizerischen Fussballverbandes erworben. «Jetzt mache ich eine Pause», sagt sie.

Jürgens kehrt dem Fussball nicht definitiv den Rücken

Mit andern Worten: Sie wird wohl wieder zum Fussball zurückkehren. Schliesslich belegt Jürgens momentan eine Weiterbildung im Bereich Sportmanagement an der Universität St.Gallen. Dort arbeitet die 36-Jährige auch seit sieben Jahren, seit sie aus dem oberbayrischen Weilheim in die Schweiz gekommen ist. Die Wirtschaftsfachwirtin organisiert als Programm-Managerin Weiterbildungen in Betriebswirtschaft. Als Kursleiterin ist Jürgens Bindeglied zwischen Dozenten und Studenten. In St.Gallen schätzt die ledige Frau die Nähe zu Bodensee und Alpstein – und dass sie rasch daheim ist bei ihrer Familie in Oberbayern.

Dort hat die kleine Gesa mit dem grossen Bruder Fussball gespielt, meistens im Tor. Aber als Jugendliche im TSV Weilheim und später als Erwachsene beim TSV Peiting war sie Feldspielerin. Erst in der Schweiz, als man beim FC Gossau einfach keine Torhüterin fand, ging Jürgens wieder ins Tor. «Genügend gross, keine Angst, und schon stand ich wieder zwischen den Pfosten», erinnert sie sich. Sie ist 1,79 m gross. Auf seiner Internetseite stellt der FC St.Gallen Spielerinnen und Trainer vor. Bei Gesa Jürgens lesen wir: «Hobbies: Lesen, lesen, lesen, reisen, Sport, kochen. » Das dreifache Lesen ist nur auf den ersten Blick erstaunlich.

Die gelernte Buchhändlerin bleibt dem Lesen treu

Sie ist gelernte Buchhändlerin und hat lange in diesem Metier gearbeitet. Da gehört das Lesen dazu: «Ich besitze Sachbücher, Reiseführer und natürlich eine grosse Sammlung an Fussball-Lehrbüchern.» Im Moment liest sie die sechste Folge aus den Allgäu-Krimis mit dem Titel «Schutzpatron.»

Spannend wie ein Krimi ist auch die Schlussphase des Spiels gegen Chênois. In der 76. Minute gleicht Nadine Fässler zum 1:1 aus. Die Gäste erzielen ein Kontertor, doch zwei Minuten vor Schluss trifft Manuela Beerli zum verdienten 2:2. Damit tanken die Ostschweizerinnen Selbstvertrauen, sind aber nach wie vor in einer gefährlichen Lage: Platz sieben, unter dem Strich, einen Punkt hinter Chênois.

Vielleicht haben die St.Gallerinnen in ihrem FC nicht die gleiche Unterstützung wie die erfolgreichen Frauen beim FC Zürich, bei Basel oder den Young Boys. Aber das könnte sich ändern. Ganz erfreut verabschiedet sich Jürgens aus dem Gespräch. Sie hat noch ein unerwartetes Rendez-vous. Stefan Hernandez, der neue Präsident des FC St.Gallen, ist aufs Espenmoos gekommen.